Ein Jahrhundert HIV – was wir gelernt haben

01.Dez..25

Meine persönliche Begegnung mit HIV

2010 bekam ich einen Anruf von einem Kollegen: „Kannst du einen Massage-Workshop übernehmen?“

Klang erstmal nach Routine. Dann kam der Nachsatz: „Es ist ein Treffen für HIV-positive Menschen. Wäre das für dich okay?“

Ich habe kurz geschluckt und dann gemerkt: Ich weiß eigentlich erstaunlich wenig über HIV. Ja, ich kannte ein paar Menschen mit HIV. Aber ich hatte kein wirkliches Bild davon, wie ihr Alltag aussieht, welche Sorgen sie haben und vor allem, wie weit die Medizin an diesem Punkt schon war. Genau das hat mich neugierig gemacht – also habe ich zugesagt.

Vier Tage Programm: morgens eine Aktivierungsrunde, abends eine Entspannungssequenz, tagsüber ein Massage-Workshop. Als ich in der Nähe von Göttingen ankam, wurde ich herzlich empfangen. Rund 180 Teilnehmer waren dort, verteilt auf verschiedene Workshops – und jede Person brachte ihre eigene Geschichte mit.

Einige hatten die Anfänge der HIV-Krise in Europa miterlebt. Sie erzählten von Freundeskreisen, die innerhalb weniger Jahre auseinandergebrochen sind, von Beerdigungen junger Männer, von Angst, Scham und Stigmatisierung. Andere hatten gerade erst die Diagnose bekommen – und beschrieben, wie erleichtert sie waren, dass es heute Therapieformen gibt, mit denen sie ihr Leben planen können: Beziehungen, Beruf, Sexualität, Zukunft.

Zwischen Angst und Hoffnung

Diese Mischung aus früher Todesangst und heutiger Alltagstauglichkeit hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe dort verstanden: Hinter HIV steckt nicht nur ein Virus, sondern eine ganze Medizingeschichte – mit Fehlern, Durchbrüchen, Irrwegen und echten Erfolgsgeschichten.

Und weil heute Welt-AIDS-Tag ist, habe ich mir die Entwicklung genauer angeschaut. Spannend ist:

HIV ist viel älter, als die meisten vermuten – und die Therapie ist viel weiter, als viele glauben.

Zeit, einen Blick darauf zu werfen, wo wir herkommen und wo wir 2025 stehen.

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Wie alles begann: HIV ist älter als die 80er

Wenn wir an HIV denken, tauchen oft Bilder aus den 1980er-Jahren auf: Kaposi-Sarkom, dünne junge Männer, Angstartikel in den Medien. Aber die Geschichte beginnt deutlich früher.

Heute weiß man:

– Die ersten nachweisbaren Spuren von HIV-1 finden sich bereits in Blut- und Gewebeproben aus den 1950er-/1960er-Jahren aus Zentralafrika.

– Genetische Analysen deuten darauf hin, dass das Virus vermutlich schon in den 1920er-Jahren vom Affen auf den Menschen übergesprungen ist.

Das Tragische: Über Jahrzehnte war HIV da – aber unsichtbar. Es gab keine Tests, keine Diagnosekriterien, keine Therapie. Menschen wurden krank, bekamen opportunistische Infektionen, Krebs – aber niemand wusste, dass dahinter ein neues Virus steckt.

1981: Eine neue Krankheit ohne Namen

Der Wendepunkt kam 1981: In den USA melden Ärzt:innen ungewöhnliche Häufungen von seltenen Infektionen und Tumoren bei jungen, zuvor gesunden Männern – vor allem in der schwulen Szene in New York, Los Angeles und San Francisco.

Zuerst sprach man von „Gay-Related Immune Deficiency“ (GRID). Niemand wusste, was die Ursache ist. Sicher war nur: Das Immunsystem dieser Menschen bricht zusammen. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, aber damals war eine solche Diagnose für viele faktisch ein Todesurteil.

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Wie HIV als Virus entdeckt wurde

In den frühen 1980ern beginnt ein Wettrennen in der Virologie. 1983 gelingt es einem französischen Team, ein neues Retrovirus aus Lymphknotenmaterial zu isolieren. Kurz darauf finden amerikanische Forscher ein sehr ähnliches Virus. Aus LAV, HTLV-III und anderen Bezeichnungen wird schließlich HIV – Human Immunodeficiency Virus.

Wichtig:

Es gibt heute einen sehr stabilen wissenschaftlichen Konsens, dass HIV die Ursache von AIDS ist. Diese Verbindung ist in unzähligen Studien nachgewiesen worden. Dass es dennoch bis heute Menschen gibt, die das leugnen, ist Teil der Geschichte – dazu später mehr.

Die Entwicklung der Therapie: Von AZT bis zur Ein-Tabletten-Therapie

Die ersten Jahre: AZT – Hoffnung mit einem hohen Preis

Mitte der 1980er-Jahre steht man vor einem Dilemma: Man kennt den Erreger, aber es gibt keine wirksame Behandlung. 1987 wird mit Zidovudin (AZT) das erste antiretrovirale Medikament zugelassen.

Damals war das ein Meilenstein – aber mit Einschränkungen:

– Die Dosierungen waren hoch.

– Die Nebenwirkungen massiv: Übelkeit, Erschöpfung, Blutbildveränderungen.

– Und: AZT allein konnte das Virus nicht dauerhaft unterdrücken.

Viele Menschen haben in dieser Phase Medikamente genommen, die sie teilweise stark belastet haben, und sind trotzdem verstorben. Aus heutiger Sicht war das eine Übergangsphase – aber ohne diese Schritte hätten die folgenden Durchbrüche nicht stattgefunden.

Die Revolution: Kombinationstherapie (HAART)

Der wirkliche Gamechanger kam Mitte/Ende der 1990er-Jahre:

– Neue Wirkstoffklassen wie Proteasehemmer wurden entwickelt.

– Ärzt:innen begannen, mehrere Medikamente zu kombinieren – die sogenannte hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART).

Zum ersten Mal passierte etwas, das vorher undenkbar war:

– Die Viruslast im Blut sank bei vielen Patient:innen unter die Nachweisgrenze.

– Das Immunsystem konnte sich erholen.

– Die Zahl der AIDS-Todesfälle ging in vielen Ländern dramatisch zurück.

Aus einem sicheren Todesurteil wurde eine chronisch behandelbare Erkrankung – zumindest dort, wo Menschen Zugang zu dieser Therapie hatten.

Heute: Ein-Tabletten-Regime und besser verträgliche Medikamente

In den 2000er- und 2010er-Jahren wurden die Therapien weiter optimiert:

– Es entstanden Fixkombinationen, bei denen mehrere Wirkstoffe in einer einzigen Tablette zusammengefasst sind.

– Viele moderne Präparate sind besser verträglich, haben weniger schwere Nebenwirkungen und lassen sich einfacher in den Alltag integrieren.

– Inzwischen gibt es auch langwirksame Injektionen, die nur alle paar Wochen oder Monate verabreicht werden müssen.

Wichtig ist:

Wer heute früh diagnostiziert wird, Zugang zu Therapie hat und die Medikamente konsequent einnimmt, kann in vielen Ländern eine Lebenserwartung erreichen, die sich der Allgemeinbevölkerung annähert. Das ist ein gigantischer Unterschied zu den 1980er- und frühen 1990er-Jahren.

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Was bedeutet „unter der Nachweisgrenze“ – und warum U = U so wichtig ist

Wenn Menschen mit HIV behandelt werden, ist ein Wert besonders entscheidend: die Viruslast. Sie gibt an, wie viele Viruskopien pro Milliliter Blut nachweisbar sind.

Unter einer gut eingestellten Therapie kann diese Viruslast so weit sinken, dass sie mit Standardtests nicht mehr messbar ist. Man spricht dann von „unter der Nachweisgrenze“ oder „nicht nachweisbar“.

Daraus ergibt sich ein zentraler Satz, der in den letzten Jahren viel verändert hat:

U = U – Undetectable = Untransmittable.

Das bedeutet:

Wer HIV-positiv ist, eine wirksame Therapie erhält und dauerhaft eine nicht nachweisbare Viruslast hat, überträgt das Virus beim Sex nicht weiter.

Für viele Betroffene ist das nicht nur ein medizinischer, sondern ein emotionaler Befreiungsschlag:

– weniger Angst, andere zu gefährden,

– weniger Schuldgefühle,

– mehr Freiheit in Beziehungen, Sexualität und Familienplanung.

Kann man HIV heilen?

Hier lohnt sich eine sehr differenzierte Sicht.

Für die allermeisten Menschen gilt:

– HIV ist nach aktuellem Stand keine Erkrankung, die man einfach „ausheilen“ kann.

– Die Standardempfehlung ist eine lebenslange antiretrovirale Therapie.

Gleichzeitig gibt es weltweit einige wenige dokumentierte Fälle, in denen Menschen nach einer speziellen Behandlung kein nachweisbares HIV mehr im Körper haben – auch ohne weitere Medikamente. Das sind meist Personen, die an Blutkrebs (z. B. Leukämie) erkrankt waren und eine Stammzelltransplantation erhalten haben. Die Spender:innen hatten eine seltene genetische Variante, die ihre Immunzellen weitgehend resistent gegen HIV macht.

Das ist medizinisch extrem spannend – aber:

– Eine Stammzelltransplantation ist ein hochriskanter Eingriff, der selbst lebensgefährlich sein kann.

– Sie wird nur durchgeführt, wenn es ohnehin eine lebensbedrohliche Grunderkrankung gibt, z. B. bestimmte Leukämien.

– Sie ist kein regulärer „Behandlungsweg gegen HIV“.

Man kann also sagen:

Es gibt echte Heilungsfälle, aber sie sind Ausnahmen unter sehr speziellen Bedingungen. Für die breite Versorgung bleibt die Kombinationstherapie mit Medikamenten der Standard.

Forschung 2025: Impfstoff, Gentherapie und Zukunftsperspektiven

Die Forschung geht trotzdem weiter – und zwar auf mehreren Ebenen:

Gentherapie und CRISPR-Ansätze:

Es wird daran gearbeitet, HIV aus den Zellen herauszuschneiden oder die Zellen so zu verändern, dass das Virus sie nicht mehr infizieren kann. Erste Studien beim Menschen konzentrieren sich vor allem auf Sicherheit und Machbarkeit.

Immuntherapien:

Man versucht, das Immunsystem so zu stimulieren, dass es HIV besser erkennt und bekämpft – zum Beispiel über sogenannte broadly neutralizing antibodies (bnAbs), also Antikörper, die viele verschiedene HIV-Varianten neutralisieren können.

Impfstoffentwicklung:

Ein HIV-Impfstoff ist deutlich schwieriger zu entwickeln als etwa eine Grippe- oder COVID-Impfung. Grund ist unter anderem die hohe Mutationsrate und die „Tarnung“ der Virusoberfläche. Trotzdem gibt es hoffnungsvolle Ansätze, z. B. mit mRNA-Impfstoffen oder Impfstrategien, die Schritt für Schritt bestimmte Antikörperantworten im Immunsystem aufbauen sollen.

Stand heute:

– Es gibt noch keinen zugelassenen, breit wirksamen HIV-Impfstoff.

– Aber die Richtung zeigt: Es bewegt sich etwas, und die Lernkurve der letzten Jahrzehnte ist enorm.

Irrtümer, Mythen und HIV-Leugnung

Wo immer es Angst, Unsicherheit und komplexe Faktenlagen gibt, wachsen Mythen. HIV ist dafür ein Paradebeispiel.

Einige Beispiele für irreführende oder gefährliche Aussagen:

– „HIV ist gar nicht die Ursache von AIDS.“

– „Die Medikamente machen die Menschen erst krank.“

– „Das Virus existiert gar nicht, das ist nur ein Konstrukt.“

Das Problem:

Solche Aussagen sind längst wissenschaftlich widerlegt – aber sie beeinflussen trotzdem Entscheidungen von Menschen. In manchen Ländern haben HIV-leugnende Haltungen sogar politischen Kurs bestimmt und den Zugang zu wirksamer Therapie verzögert. Die Folge waren tausende vermeidbare Todesfälle.

Für mich persönlich ist hier ein wichtiger Punkt:

– Kritische Fragen an Medizin und Forschung sind sinnvoll.

– Aber wer gesicherte Erkenntnisse ignoriert, nimmt in Kauf, dass Menschen auf lebensrettende Therapien verzichten oder sie zu spät bekommen.

Was bedeutet das alles für Menschen, die heute mit HIV leben?

Wenn ich an meinen Workshop von 2010 zurückdenke, tauchen mir vor allem zwei Gruppen vor Augen auf:

– Menschen, die die Anfänge der Krise erlebt haben: mit der Erfahrung, wie es ist, Freunde zu verlieren, keine Perspektive zu haben und sich für die eigene Erkrankung rechtfertigen zu müssen.

– Menschen, die gerade erst ihre Diagnose bekommen hatten: verunsichert, aber gleichzeitig erleichtert zu erfahren, dass es wirksame Therapien gibt und ein Leben mit HIV heute planbar sein kann.

Aus heutiger Sicht – 2025 – lässt sich aus meiner Sicht zusammenfassen:

– HIV ist nach wie vor eine ernstzunehmende Infektion.

– Frühe Diagnose und konsequente Therapie machen einen riesigen Unterschied.

– Mit moderner Behandlung können viele Menschen mit HIV ein stabiles, langes und weitgehend normales Leben führen.

– U = U hat nicht nur medizinische, sondern auch soziale Sprengkraft – im positiven Sinne: weniger Stigma, mehr Selbstbestimmung.

Mein Fazit zum Welt-AIDS-Tag 2025

Wenn ich auf die Geschichten aus dem Workshop zurückblicke und sie mit dem Stand der Medizin heute vergleiche, fallen für mich zwei Realitäten zusammen:

– Die Tragik der frühen Jahre: generationenweise Verluste, Angst, Diskriminierung und gesellschaftliche Unsicherheit.
– Und gleichzeitig die enormen Fortschritte: HIV ist heute – bei früher Diagnose und konsequenter Behandlung – eine gut behandelbare chronische Infektion, mit der ein stabiles, lebenswertes und planbares Leben möglich ist.

Was mir in der Arbeit mit Menschen immer wieder auffällt:

HIV wird zwar durch Sexualität übertragen, aber Sexualität ist eines unserer grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse. Wie Atmen, Essen, Trinken, Schlafen oder sich zu erleichtern.

Ohne Nähe, Lust und Intimität gäbe es uns als Spezies überhaupt nicht. Es ist paradox, dass wir Sexualität als Lebensenergie feiern – aber gleichzeitig die Erkrankungen, die dadurch übertragen werden können, mit Stigma und Schweigen belegen.

Hier müssen wir in Deutschland mutiger werden.
Ein positiver HIV-Status bedeutet nicht, dass jemand AIDS hat. Es bedeutet lediglich, dass das Virus im Körper vorhanden ist. Und moderne Therapien können die Viruslast so weit senken, dass sie unter der Nachweisgrenze liegt. Menschen mit HIV können heute eine gesunde Sexualität, erfüllte Beziehungen und eine langfristige Lebensplanung haben – ohne andere zu gefährden.

Genau an dieser Stelle schließt sich der Kreis zur Salutogenese, zu der Frage:
Was hält uns gesund – körperlich, psychisch und sozial?
Im vorherigen Blogbeitrag habe ich darüber geschrieben, wie Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Krankheit ist, sondern ein Prozess, der Orientierung, Stabilität und Selbstfürsorge braucht.

Wenn du Menschen in deinem Umfeld hast, die mit HIV leben – oder wenn du selbst betroffen bist – zeigt die Geschichte der letzten Jahrzehnte vor allem eins:

Wissen wächst.

Medizin entwickelt sich weiter. Und wir haben heute mehr Möglichkeiten als je zuvor, mit einer Diagnose zu leben, anstatt nur dagegen anzukämpfen.